Ist das Superwahljahr 2017 auch das Afrika-Jahr? Die Politik kam mit der Wissenschaft im Paul-Löbe-Haus zusammen, um über Herausforderungen auf dem afrikanischen Kontinent zu debattieren. (Fotos: Sebastian Gabsch)

30.05.2017

Das große Afrika (Des-)Interesse - Rückschau auf Parlamentariergespräch

Afrika steht im Fokus der deutschen G20-Präsidentschaft – doch hat es in den Medien weiter schwer. Über Probleme der Berichterstattung referierte Prof. Dr. Fengler in Berlin

„Was machen Sie immer in Afrika? Kümmern Sie sich lieber um meine Rente!“ Sätze wie diese soll der Bundestagsabgeordnete Frank Heinrich (CDU) oft aus seinem Chemnitzer Wahlkreis gehört haben. „Doch seit zwei Jahren hat sich das geändert, Afrika ist uns viel näher gekommen“, sagt der stellvertretende Vorsitzende des CDU/CSU-Arbeitskreises Afrika – und spielt damit auf die Flüchtlingskrise an. Seit deren Beginn sind auch viele Menschen aus Subsahara-Afrika nach Europa gekommen. 

Um angesichts der durch die Flüchtlingskrise geweckten Aufmerksamkeit für Schwarzafrika mehr über die politischen Herausforderungen auf dem Kontinent zu erfahren, hat Heinrich gemeinsam mit der Global Perspectives Initiative zu einem Parlamentariergespräch mit dem Titel „Afrika im Superwahljahr 2017 – Zwischen Chancenkontinent und Migrations-Herausforderung“ eingeladen. Zu Gast waren Prof. Dr. Susanne Fengler, Geschäftsführerin des Erich-Brost-Instituts und der österreichische Demograph Prof. Dr. Wolfgang Lutz.

Die Bundesregierung hat erklärt, sich im Rahmen seiner diesjährigen G20-Präsidentschaft verstärkt für nachhaltigen wirtschaftlichen Fortschritt in Afrika  einsetzten zu wollen. Der „Marshallplan mit Afrika“ des Bundesentwicklungsministeriums, das „Pro! Afrika“-Konzept des Bundeswirtschaftsministeriums oder auch die „Compact with Africa“-Initiative des Bundesfinanzministeriums: „Viele Ministerien, zum ersten Mal auch das Finanzministerium, interessieren sich jetzt für Afrika“, merkte Georg Schmidt, Regionalbeauftragter für Subsahara-Afrika im Auswärtigen Amt an. Doch wie kann der Afrika-Schwerpunkt der gegenwärtigen Politik auch Widerhall in den Medien finden?

Große Afrika-Skepsis

Schließlich sei der afrikanische Kontinent, trotz der gegenwärtigen Prominenz der Flüchtlingsthematik, weiterhin unterrepräsentiert in der deutschen Medienlandschaft – wie Prof. Dr. Susanne Fengler anhand der Ergebnisse der globalen Studie zur Migrationsberichterstattung des Erich-Brost-Instituts verdeutlichte. Für die Studie im Rahmen des Projekts „Journalism in a Global Context“ wurden während des Höhepunkts der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 die Migrationsberichterstattung in fünf afrikanischen und sechs europäischen Online-Medien untersucht.

„Fast 60 Prozent der Artikel in Deutschland kommen ohne die Nennung afrikanischer Länder oder Akteure aus“, berichtete Fengler. Zudem seien 40 Prozent der Beiträge negativ konnotiert. „Daran erkennt man die Skepsis, die im Raum steht, wenn es um Afrika geht.“ Die meisten Beiträge seien sowohl in Afrika als auch in Europa wenig hintergründig, ereignisorientiert und stark elitenzentriert - also hinsichtlich qualitätsjournalistischer Ansprüchen defizitär.

Prof. Dr. Susanne Fengler und Prof. Dr. Wolfgang Lutz (Foto: Sebastian Gabsch)

Doch um der politischen Aufmerksamkeit für Afrika mit einer entsprechenden Qualitätsberichterstattung zu begegnen, müsste vor allem die Quellenlage in Afrika besser werden, betonte Fengler. Sogar afrikanische Journalisten selbst würden aufgrund des desolaten Zustands vieler dortiger Medienhäuser nur auf amerikanische, asiatische oder arabische Quellen zurückgreifen – gerade auch bei einem Thema wie Migration, wo Recherchen sehr aufwändig seien. „Das klischeehafte Bild, was wir aus den Medien über Afrika haben, ist deswegen auch das Bild, was Afrika hat – weil es keine eigenständige Recherche gibt“, resümierte Fengler.

„Keine Demokratie unter Analphabeten“

Neben dem lückenhaften Afrika-Bild in den Medien steht die Bundesregierung im Rahmen ihrer Entwicklungsarbeit auf dem afrikanischen Kontinent auch vor demographischen Herausforderungen, wie Prof. Dr. Wolfgang Lutz  verdeutlichte. Die derzeitige Flüchtlingskrise ist für ihn ein „natürlicher Prozess demographischer Entwicklung.“ Um 1900, als Frauen in Deutschland noch durchschnittlich vier bis fünf Kinder bekamen, wanderten auch viele Deutsche aus. Im heutigen Südsahara-Afrika gebären Frauen im Durchschnitt rund fünf Kinder. Die Bevölkerung soll laut Unicef bis Mitte des Jahrhunderts auf zwei Milliarden Menschen anwachsen. „Die heutige Situation in Afrika ist vergleichbar mit dem, was Europa durchlebt hat“, so Lutz. „Das Problem ist nur, dass kein Staat die Menschen aus Afrika aufnehmen möchte.“

Auch hinsichtlich bundespolitischer Interessen steht die Frage im Raum: Wie kann Afrika das Bevölkerungswachstum verringern und so den Massenexodus verhindern? „Durch Bildung – besonders durch weibliche Bildung“, so Lutz. „Das ist der hauptsächliche Faktor für eine geringe Geburtenrate.“ In Äthiopien etwa würden Frauen auf dem Land im Durchschnitt sechs Kinder bekommen, wenn sie jedoch bis zum 16. Lebensjahr in die Schule gingen, reduziere sich die durchschnittliche Kinderzahl auf zwei. Dennoch fließt nur ein Bruchteil der humanitären Hilfe in Bildungsprojekte. „Wir investieren hier einfach zu wenig“, so Lutz. Dabei könne man nicht nur die demographische, sondern auch die politische Entwicklung durch Bildung positiv beeinflussen.  „Es ist eben sehr schwer eine Demokratie unter Analphabeten zu entwickeln.“

Mehr Informationen:
-    Mehr zu den Ergebnissen der „Journalism in a Global Context“-Studie: jigc.media
-    Mehr zur deutschen G20-Präsidentschaft: bzm.de